Geschichte

Das Papiertheater war …

... von etwa 1820 bis 1920 ein beliebtes Spielzeug theaterbegeisterter bürgerlicher Schichten. Kennzeichen der kleinen Haustheater ist ihre Herstellung aus dem Werkstoff Papier und ihre enge Anlehnung an das Theater der großen Bühnen. Klassische Schauspiele wie Goethes Faust und Schillers Wilhelm Tell oder berühmte Opern wie Karl Maria von Webers Freischütz konnten im Familienkreis für Jung und Alt zur Aufführung gebracht werden. Zauberpossen und Volksstücke, Märchen und Sagen gehörten ebenfalls zum Repertoire des Papiertheaters.

Schon das 18. Jahrhundert kannte Miniaturtheater für das Haus. Es wird von Marionetten-theatern und Puppenspielbühnen berichtet, auf denen aber Stücke anderer und eigener Art gespielt wurden. Als Vorläufer des Papiertheaters können auch die Guckkastendioramen und Kulissenbilder des 18. Jahrhunderts, wie sie vor allem in Augsburg hergestellt wurden, angesehen werden. Diese sind wie das Papiertheater aus Papier gearbeitet, bieten aber keine Möglichkeit zu spielerischer Betätigung. Den frühen Bilderbogen zum Ausschneiden und Aufstellen fehlt der Bezug zum Theater. Durch eine Verschmelzung dieser verschiedenen Vorformen entstand um 1820 das eigentliche Papiertheater. Fördernd hat sicher das Interesse des Bürgertums am zeitgenössischen Theater gewirkt. Das Papiertheater ist aus diesem Interesse entstanden und hat selbst wieder die Rezeption des Theaters begünstigt.
(vgl. Theodor Kohlmann, Museum für Deutsche Volkskunde, Berlin 1977)


Das Papiertheater, ein Kind des 19. Jahrhunderts.
-Voraussetzungen und Entwicklung-

1. Papier
Erfindung des Papiers um 100 n. Chr. in China, seit dem 10. Jh. in Italien beliebte Importware, 1389 erste deutsche Papiermühle in Nürnberg.

2. Bilddrucktechniken
Um 1400 Holzschnitt, Hochdruck;
Mitte des 15. Jh. Kupferstich, Tiefdruck;
1798 Lithographie, Flachdruckverfahren, erfunden von Alois Senefelder um zunächst Notenschriften einfach und billig vervielfältigen zu können. Farbdrucke sind sehr zeit-und kostenaufwendig, Bögen wurden per Hand von billigen Arbeitskräften, Frauen, Kindern, Strafgefangenen, koloriert.
Erst die Erfindung der vollautomatischen lithographischen Schnellpresse ermöglicht die industrielle Massenproduktion von Mehrfarbendrucken im Chromolithographieverfahren. Die Firma J. F. Schreiber verwendet diese Drucktechnik - als eine der ersten - ab 1889 auch für den Druck von Papiertheaterbögen.

3. Weihnachtskrippen
Seit dem 16. Jh. ist es in Italien und Süddeutschland üblich, zu Weihnachten eine Krippe aufzustellen. Aus Zeit und Kostengründen kommt man im 17. Jh. auf die Idee, Papierkrippen anzufertigen, die ausgeschnitten und mit einem Holzklötzchen zum sicheren Stand beschwert wurden. Geschäftstüchtige Verleger bieten bald im Holzschnitt- oder Kupferstichverfahren Weihnachtskrippen für jedermann, auf Bögen gedruckt, zum Verkauf an.

4. Ausschneidebögen
Inspiriert durch die Weihnachtskrippen erfreuen sich Ausschneidebögen wachsender Beliebtheit. Das Motivrepertoire wird erweitert und Ende des 18. Jh. sind sie im Bürgertum sehr begehrt, ein vergnüglicher Spaß für Kinder und Erwachsene. Die Buben schneiden Papiersoldaten aus und stellen ihre Regimenter zusammen, die Mädchen freuen sich an modisch gekleideten Damen. Aus England kommt die Idee der „Anziehdamen". Auf einem Bilderbogen werden neben Papierfiguren auch Kleidungsstücke zum Ausmalen und Ausschneiden gedruckt, die nun mittels umklappbarer Laschen auf die ausgeschnittenen Figürchen gesteckt werden.

5. Guckkästen
Mitte des 18. Jh. bieten die böhmischen „Mannimaler" Papierfiguren zum Kauf, die man in einen verglasten Kasten mit Krippendekorationen fest einmontieren kann. Diese „Kastenkrippen" ähneln mit ihrem gestaffelten Tiefenraum der barocken Theaterbühne, auch „Guckkastenbühne" genannt. „Guckkastenbühne" meint eine in die Tiefe reichende dekorierte Spielfläche, die hinten mit einem Schlussprospekt, einem gemalten illusionistischen Bühnenbild, abgeschlossen wird, rechts und links gestaffelte, auswechselbare Seitenkulissen aufweist und den Blick nach oben durch Deckenkulissen, so genannten Sofitten, versperrt. In eine solche Bühne schaut der Zuschauer wie in einen Kasten hinein.

6. Theater für Bürger
Eine entscheidende Bedingung für Entwicklung und Erfolg des Papiertheaters ist die Begeisterung des Bürgertums für das Theater. 1767 wird das erste Nationaltheater in Deutschland, die Hamburger Entreprise gegründet. Lessings Minna von Barnhelm wird im gleichen Jahr uraufgeführt. Eine Vergnügungsstätte des „gemeinen" Mannes war geschaffen.

7. Kostümbögen
Schauspielerlinnen waren bislang zwar als Unterhaltungskünstler beliebt, als „fahrendes Volk" aber gesellschaftlich wenig geachtet. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des bürgerlichen Theaters werden sie nun Ende des 18. Jh. als Stars bewundert und gefeiert. Wiederum kommen tüchtige Verleger auf die Idee, vom Kostümbildner gezeichnete Entwürfe, so genannte Figurinen, die dem Gewandmeister als Vorlage zur Anfertigung der Bühnenkostüme dienten, auf Bilderbögen zu drucken. Die Bögen wurden vom Publikum lebhaft begrüßt, Theaterzeitschriften beigelegt und an der Theaterkasse einzeln verkauft. In ihnen spiegelt sich die Bedeutung wieder, die man dem Kostüm auf der Theaterbühne inzwischen beimisst. Dieser beachtliche wirtschaftliche Erfolg regt die Firmen schon bald dazu an, den Kostümbögen Wiedergaben der Bühnendekoration zur Seite zu stellen. Vorbilder dieser Bilderbögen sind die Bühnenbild- und Dekorationsentwürfe bekannter Bühnenmaler.

8. Theaterbilderbögen
Das Papiertheater war geboren. Auch der politisch erzwungene Rückzug der Bürger ins Private, die Betonung des Familiären, Häuslichen und Gemütlichen der Biedermeierzeit fördert diese Entwicklung. Das Papiertheater bringt die erfolgreichen Inszenierungen berühmter Theater „en miniature" in die Wohnstube. Manche Firmen gewinnen bekannte Bühnenbildkünstler zur Mitarbeit. Der Siegeszug des Papiertheaters im deutschen Kulturraum beginnt im Jahr 1825 mit Ausschneidebögen der Wiener Firma Trentsensky.
1830 erweitert die Firma ihr Angebot durch das „Mignon Theater", ein Kleintheater (23 x 28 cm), weniger zum Bespielen als nur zum Aufstellen bestimmter Szenen gedacht. Dieses Mignon Theater lässt noch die nahe Verbindung zu den schon erwähnten Guckkasten- Dioramen des 18. Jh. erkennen. Josef Scholz aus Mainz produziert seit 1830 Theaterbilderbögen und bringt 1885 das größte deutsche Papiertheater heraus, bei dem die Bühnenöffnung 52 x 47 cm beträgt.

9. Kindertheater
Anfangs ist das deutsche Papiertheater als „großes Theater en miniature" eher ein Spielzeug für Erwachsene, ebenso die Stücke, die gespielt werden: Dramen der Klassiker, Opern wie der Freischütz (mit 25 Figurenbögen von 16 verschiedenen Firmen ganz besonders beliebt) und satirisch-kritische Possen. Gezielt zum Kindertheater wird das Papiertheater erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Seit 1884 werden auf deutschen Bühnen erfolgreich Weihnachtsmärchen für Kinder angeboten und auch die Papiertheater entdecken recht bald „kindgemäße" Inhalte für ihr Repertoire. Texte und Quellen zum Papiertheater betonen die pädagogische Zielsetzung und meinen damit primär Wecken und Fördern des Interesses von Kindern und Jugendlichen am Theater und mit ihm die spielerische Vermittlung bürgerlichen Bildungsgutes. Papiertheater ist „intimes, priyates Familientheater". Die Väter bauen gemeinsam mit den Söhnen die Bühne zusammen, meist spielen die Erwachsenen sich und ihren Kindern vor. Für die Mädchen sind die Puppenstuben gedacht.

10. Schreibers Kindertheater
Auch J. S. Schreiber, Esslingen, bringt ab 1878 Papiertheater heraus, die zum Kindertheater schlechthin werden. Während die preiswerten, aber auch recht schlichten Theaterbögen beispielsweise aus Neuruppin als „Volkstheater" ein Massenpublikum erreichen, wendet sich Schreiber gezielt an Kinder des Bildungsbürgertums. Das Repertoire wird erweitert. Neben dem traditionellen Klassikerangebot gibt es Märchen und Sagen sowie Adaptionen literarischer Werke wie z.B. Robinson Crusoe, die Reise um die Erde in 80 Tagen, Don Quichotte oder Max und Moritz. Schreibers lithographierte Bögen enthalten alle Bühnendekorationen, Proszenien und Figuren. Sie können einzeln erworben werden, aber auch als Theatermappe, die alles für ein Stück erforderlichen Materialien enthält. Zu jedem Stück gehört auch ein Textheft von meist 16 Seiten, das auch konkrete Spielanweisungen enthält. Bis ins 20. Jh. begeistert das Papiertheater die Jugend, wobei wohl den Jungen mehr der aktive, den Mädchen eher der konsumierende Part zukommt. 1921 stellt Schreiber die Produktion ein. Neue Angebote, Hörspiel, Film und heute Fernsehen, DVD und Computerspiel, haben seinen Platz eingenommen.